Ein Zuhause in Rosa

Wer über den langen roten Teppich vom Eingang des Museums an den Ausstellungsräumen vorbei kommend das ehemalige herzogliche Schlafzimmer betritt, taucht in eine rosafarbene Porzellanwelt ein. Wände, Vitrinen und die Gazetuche zwischen Vitrinen und Fenstern sind in Rosa gestaltet. In der Mitte des Raumes und an den Wänden reihen sich Teller an Teller, weißes Porzellan an weißes Porzellan. Hinter ihnen liegen die Fenster, durch die der Blick hinaus auf das Zeughaus und den Schlossplatz fällt. Das ist das neue Zuhause des „Holländischen Services“.
Seit Mittwoch hat das berühmte Service hier im neuen Porzellankabinett seinen festen Platz. „Nach der Eröffnung des Bürgermuseums ist der heutige Tag der wichtigste Tag für unser Museum“, sagte Dr. Sandra Donner, Leiterin des Museums Wolfenbüttel, am Nachmittag beim Pressetermin.
Starke Farben für starkes Porzellan
Die Linie der Teller bildet einen der Horizonte in der neu gestalteten Ausstellung.Für den neuen Ausstellungsraum hat das Museum das frühere Schlafzimmer von Herzog August Wilhelm genutzt, berichtet Donner. Es handle sich um ein „Eckzimmer, das wir schon früher für Ausstellungen genutzt haben“. Einfach war die Aufgabe nicht. „Das ist ein herausfordernder Raum. Licht fällt von fast allen Seiten hinein. Porzellan neigt dazu, zu glänzen“, sagt die Museumsleiterin.
Auch die Farbwahl war eine bewusste Entscheidung. „Wir haben überall im Haus kräftige Farben. Dass wir hier einen Raum in einem kräftigen Altrosa gestalten, sollte auch eine Aussage sein“, betont Donner beim Pressetermin. Das künstliche Licht und das hereinfallende Tageslicht verfälschen das Weiß des Porzellans nicht. Der Raum wirkt hell, frisch und freundlich, ohne dabei aufdringlich zu sein.
Für jedes der 185 Einzelstücke wurde eine eigene Halterung angefertigt.Viel Sorgfalt steckt im Detail. „Jede Halterung ist eigens für das Stück angefertigt worden, das sie aufnimmt“, berichtet Donner. Das hat seinen Grund: „Jedes der Stücke ist einzigartig.“ Mit Erklärungen hält sich die Ausstellung zurück. „Wir sind bewusst sparsam mit den Objektbeschreibungen umgegangen“, sagt Donner. Auch auf digitale Ergänzungen hat das Museum bewusst verzichtet. Der Ausstellungsraum sei zu 85 Prozent über Drittmittel finanziert worden. „Es ist uns gelungen, Menschen davon zu überzeugen, dass dieses wunderbare Service ein ebenso wunderbares Zuhause braucht“, sagt sie.
Der Horizont als rosa Faden
Jens Imig erklärt das Ausstellungskonzept.Gestaltet hat den Raum die Berliner Ausstellungsagentur gewerkdesign. Ihr Geschäftsführer Jens Imig erklärt das Konzept mit einem Satz, der zunächst wie eine Plattitüde klingt: „Uns ist aufgefallen, dass es sich um holländische Porzellanmalerei handelt.“ Wichtig ist er trotzdem, denn auf ihm baut die Gestaltung auf. „Holländische Sujets haben alle einen Horizont“, erläutert Imig.
Diesen Horizont holt die Ausstellung in den Raum. „Wir haben in der Ausstellung den Horizont der nebeneinander aufgereihten Teller. Hinter den Tellern verhindert eine durchsichtige Gaze in der Raumfarbe den Einfall von UV-Licht, ohne den Raum zu verdunkeln“, erklärt Imig. Der Farbton schwinge überall mit und betone das weiße Porzellan.
Auf der Gaze hinter den Ausstellungsstücken zeichnet sich zudem ein virtueller Horizont ab: Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Motiven des Services. Dahinter liegt der echte Horizont. Durch die Fensterfronten an zwei Seiten des Eckzimmers geht der Blick auf Schlossplatz und Zeughaus.
Bücher statt Bildschirme
Birgit Schlegel (gewerkdesign, von links), Markus Gröchtemeier, Jens Imig und Sandra Donner an einem der beiden "Arbeitsplätze" zur Porzellanmalerei.Vor der mittig im Raum stehenden Vitrine steht eine Tischkonstruktion, die an eine Werkbank erinnert. Darauf liegen zwei Bücher mit Illustrationen. Sie zeigen, wie Porzellanmalerei entsteht und welche Reise das Service hinter sich hat. Auf zwei Hockern in der Farbe des Fußbodens kann man Platz nehmen und darin blättern. Die Illustrationen sind klar und einfach, der Text ist knapp. Er steht in einer Schrift, die auch Menschen mit Sehbehinderung das Lesen erleichtert. Neben drei Vitrinen aus Metall und Glas nimmt auch ein originaler barocker Schrank aus der Zeit des Aufklärers Gotthold Ephraim Lessing Teile des Services auf.
Eine Reise über 250 Jahre
Das Service selbst hat einen weiten Weg hinter sich. 1773 bestellte ein bis heute unbekannter, wohlhabender Auftraggeber aus den Niederlanden das Service über die Fürstenberger Niederlassung in Den Haag. Im Sommer 1774 wurde es über die Weser ausgeliefert.
Das Weißporzellan stammt aus der Manufaktur Fürstenberg, bemalt wurde es in der Fürstenberger Buntmalerei in Braunschweig. Zu den Malern gehörte der berühmte Landschaftsmaler Pascha Johann Friedrich Weitsch. Anders als bei den meisten Geschirren dieser Form füllen die farbigen Landschaften die gesamte Innenfläche der Teller, gerahmt von einem Goldrand. Jedes der 185 Teile zeigt ein anderes Motiv niederländischer Küsten- und Ideallandschaften. Weil das Service kaum benutzt wurde und eingebrannte Porzellanfarben nicht verblassen, leuchten die Farben bis heute wie im 18. Jahrhundert.
Zwischen 1811 und 1813 erwarb der Rotterdamer Kaufmann und Bürgermeister Willem Suermondt das Porzellan. Lange hieß es deshalb „Suermondt-Service“. Fast 200 Jahre lang galt das Service in der Forschung als verschollen. Später gelangte es in den Besitz einer Luxemburger Familie.
Das 185-teilige Holländisches Service, hergestellt durch die Porzellanmanufaktur Fürstenberg in den 1770er-Jahren. Foto: Andreas Greiner-Napp /Museum WolfenbüttelIm Herbst 2024 kaufte das Schlossmuseum Wolfenbüttel das komplette Service. Das Ensemble gilt als „Kulturgut von nationaler Bedeutung“. Mit dem Kauf kehrte das Porzellan an den Ort zurück, an dem die Geschichte der Fürstenberger Manufaktur begann. Nach einer ersten Präsentation im Herbst 2024 und einer großen Sonderausstellung im Jahr 2025 ist das Service nun dauerhaft zu sehen. Ein 186 Seiten starker Katalog begleitet die Ausstellung.
Impression von der Eröffnungsfeier. Foto: Andreas Greiner Napp/Museum WolfenbüttelBei der Eröffnungsfeier am Abend würdigte Minister Falko Mohrs das neue Kabinett. „Das neue Porzellankabinett macht die Anfänge der Porzellanmanufaktur Fürstenberg dort erlebbar, wo diese Geschichte mit Unterzeichnung der Gründungsurkunde ihren Ausgang nahm. Die Ausstellung ist so gestaltet, dass sie neugierig macht und Menschen jeden Alters anspricht“, sagte er.
Sandra Donner erinnerte an die lange Suche. „Viele Jahre hatten wir nach einem bedeutenden Fürstenberger Porzellanservice des 18. Jahrhunderts gesucht“, erklärte sie. „Damit schließt sich ein Kreis, denn 1747 war die Manufaktur Fürstenberg durch den merkantilistischen Herzog Karl I. im Schloss Wolfenbüttel gegründet worden.“ Sie lobte die Arbeit von gewerkdesign: „Wir haben es gemeinsam geschafft, dass alle 185 Teile in nur einem Raum gezeigt werden, sodass die Fülle, aber auch die Schönheit des einzigartigen Fürstenberger Porzellan-Kulturgutes perfekt zur Geltung kommen.“
Die Gestaltung des Porzellankabinetts haben das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur, die Stiftung Zukunftsfonds Asse, die Braunschweigische Stiftung, die Hans und Helga Eckensberger Stiftung und der Förderverein Museum Wolfenbüttel finanziell unterstützt.
Das Wolfenbüttel Magazin arbeitet unabhängig und frei von Konzerninteressen. Seine Inhalte liefert es für alle frei zugänglich und ohne Paywall auf www.wolfenbuettel-magazin.de. Aus Überzeugung. Das braucht Unterstützung. Damit die Redaktion weiter unabhängig berichten kann. Schon ab 10 Euro können Sie dabei sein.
Teilen Sie diesen Beitrag gern mit Ihren Freunden in Social Media. Die Links öffnen sich auf einer neuen Seite. Dort gelten die Datenschutzbestimmungen des jeweiligen Diensteanbieters.
Reden Sie mit!
Sie haben einen Vorschlag für eine schöne Kultur- oder Nachhaltigkeitsgeschichte? Dann nutzen Sie bitte unser Kontaktformular oder unseren sicheren Threema-Kanal. Herzlichen Dank!
