Die letzten Zeugen liegen im Boden

„Eine archäologische Ausgrabung ist immer auch eine Zerstörung der Primärquelle“, sagte Tobias Uhlig in seinem Vortrag. Genau vor diesem Dilemma steht jetzt auch die KZ-Gedenkstätte Schandelah-Wohld: Zur dritten Sitzung der großen Arbeitsgruppen-Runde hatte Diethelm Krause-Hotopp eingeladen. Ein gutes Dutzend Teilnehmende war der Einladung in das Bildungs- und Begegnungszentrum Cremlingen gefolgt. Im Mittelpunkt stand der Vortrag des Referatsleiters vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege zur Archäologie ehemaliger NS-Lager und die Frage, wie viel Eingriff das Gelände in Schandelah verträgt, um seine Geschichte sichtbarer zu machen.
2022 war die Arbeitsgruppe zuletzt in großer Runde zusammengekommen. Seitdem hatte sich viel getan. Krause-Hotopp berichtete deshalb zunächst über die Entwicklung seit dem letzten Treffen: Die Gemeinde hatte den Weg zur Ölschieferabbaustelle ausgebaut. Eine neue Sitzbank wurde aufgestellt. 2025 kamen neue Infotafeln hinzu. Auf ihnen wurde unter anderem der Begriff „Ofenskelett“ in „Reste eines Schmelzofens“ umformuliert. 2025 wurden auf dem Friedhof in Scheppau einige Grabplatten neu angelegt. Im selben Jahr erhielt die Gedenkstätte in Schandelah-Wohld eine dreisprachige Tafel mit 174 Namen von in der KZ-Außenstelle ausgebeuteter Menschen hinzu und einen Glöckchenbaum. Dieser trägt ebenso viele Glöckchen, wie Namen auf der Tafel stehen. Das Projekt wurde von der Fotokünstlerin Yvonne Salzmann initiiert. Bürgermeister Detlef Kaatz ergänzte, die Gemeinde habe das Nachbargrundstück der Gedenkstätte samt Haus gekauft. Neuer Satz: Auf einem Drittel des Grundstücks kann die Gemeinde die Gedenkstätte weiterentwickeln.
Tobias Uhlig, Nachfolger des im August verstorbenen Michael Geschwinde, erinnerte daran, dass die Lagerfläche seit 2023 als archäologische Fundstelle unter Denkmalschutz stehe. Dieser Status sei aber durch eine geplante Gesetzesnovelle gefährdet. Weil Zeitzeugen fehlten, gewinne die Archäologie an Bedeutung: „Lager sind Primärquellen“, so Uhlig, „das ist das, was auch noch 50 Generationen bleibt, um diesen NS-Terror erfahrbar und auswertbar zu machen.“ Von rund 20.000 Außenlagern im gesamten Deutschen Reich, davon etwa 18.000 im heutigen Bundesgebiet, seien bislang erst rund 1.000 archäologisch erfasst. An zwei niedersächsischen Beispielen, dem KZ-Außenlager Ellrich-Juliushütte und dem Zwangsarbeiterlager am Rammelsberg, zeigte Uhlig, wie Ausgrabungen bauliche Relikte und Alltagsgegenstände freilegen, etwa eine mit Initialen versehene, selbst gefertigte Blechschüssel als stilles Zeugnis der Häftlinge. Für Schandelah wertete sein Team eine Luftaufnahme vom 10. April 1945, dem Tag der Lagerauflösung, aus und konnte Baracken, Wachtürme und Wege erstmals exakt georeferenzieren. „Freundlicherweise hat mir Herr Krause-Hotopp sofort seine für teures Geld gekauften Luftaufnahmen zur Verfügung gestellt“, dankte Uhlig. Ein Schreiben des damaligen Werksleiters Solms-Wittig belegt zudem Pläne für 14 weitere Ölanlagen im März 1945. Uhlig empfahl ein dreistufiges, eingriffsarmes Vorgehen aus Kartenabgleich, Voruntersuchung und Planung und bot die archäologische Begleitung künftiger Bauprojekte an.
Diethelm Krause-Hotopp zeigt ein altes Luftbild und vergleicht es mit einer modernen Luftaufnahme.In der anschließenden Diskussion ging es um die Balance zwischen Schutz und Sichtbarmachung. Kaatz fragte nach den Folgen für private Anlieger. Uhlig stellte klar, der Status quo bleibe gewahrt, kleinere Bauvorhaben blieben nach Voruntersuchung möglich. Martina Staats, Leiterin der Gedenkstätte in der JVA Wolfenbüttel, regte an, Befunde digital und ohne Bodeneingriff erlebbar zu machen, etwa per Tablet-Anwendung wie in der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Als Schulprojekt schlug Uhlig geophysikalische Untersuchungen mit einer Schüler-AG vor. Kaatz mahnte, die Gemeinde müsse Anfang kommenden Jahres eine politische Grundsatzentscheidung über die künftige Ausrichtung treffen. Krause-Hotopp dankte Uhlig zum Abschluss und verwies auf den engen Austausch mit der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, deren Außenlager Schandelah gewesen war.
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