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Zwischen Nähe und Netz

Veröffentlicht am | Von Redaktion
Gerhild Damm referiert über die „Kultur des gesenkten Blickes“ beim Fachtag Frühe Hilfen. Foto: Landkreis Wolfenbüttel

Großen Zuspruch fand der Fachtag des Runden Tisches Frühe Hilfen Wolfenbüttel mit 210 teilnehmenden Fachkräften. Unter dem Titel „Zwischen Nähe und Netz“ standen die Auswirkungen der digitalen Mediennutzung Erwachsener auf Beziehung, Bindung und Entwicklung in der frühen Kindheit im Mittelpunkt. Das Thema gewinnt zunehmend an Bedeutung für die Frühen Hilfen, die insbesondere die ersten drei Lebensjahre von Kindern in den Blick nehmen.

Das Organisationsteam des „Runden Tisches Frühe Hilfen“, Brigitta Feulner, Netzwerkkoordinatorin in der Fachstelle Frühe Hilfen im Landkreis WF, Heidrun Ripke, Leitung der EFB und Sabine Peschke-Tepe, Leitung der Frühförderstelle, eröffneten die Veranstaltung. Im Anschluss richteten Frau Steege, Referentin im Niedersächsischen Ministerium für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung, sowie Herr Retzki, Sozialdezernent des Landkreises Wolfenbüttel, wertschätzende Grußworte an die Anwesenden und unterstrichen die Relevanz des Themas für Familien, Fachpraxis und Politik.

Bereits zu Beginn wurden die Teilnehmenden mit persönlichen Fragen zum eigenen Smartphone-Verhalten in das Thema eingeführt. Die Reflexion über die permanente Verfügbarkeit und Nutzung des Handys, vom morgendlichen Wecken über das Beantworten von Nachrichten bis zur Nutzung verschiedenster Apps, regte dazu an, das eigene Verhalten kritisch zu hinterfragen, zu kanalisieren und zeitlich zu begrenzen.

Wissenschaftliche Perspektive auf „Technoferenz“

Mit Professorin Dr. Annette Klein, Psychologin und Professorin für Entwicklungspsychologie an der International Psychoanalytic University (IPU) Berlin, war eine ausgewiesene Expertin für den wissenschaftlichen Einstieg gewonnen worden. Unter dem Titel „Zwischen Aufmerksamkeit und Ablenkung“ stellte sie den aktuellen Forschungsstand zur sogenannten Technoferenz, der Störung von Interaktionen durch elterliche Smartphone-Nutzung, vor.

Erste Studien zeigen signifikante Hinweise auf Auswirkungen häufiger Unterbrechungen in der Interaktion auf die Entwicklung von Babys und Kleinkindern. Die Forschung stehe zwar noch am Anfang, doch sei es notwendig, weitere Projekte anzustoßen, so Klein. Als zentrales Fazit ließ sich festhalten: Werden zwischenmenschliche Interaktionen in den ersten Lebensjahren sehr häufig unterbrochen, gestört oder weniger beantwortet, kann dies verschiedene Entwicklungsbereiche des Kindes beeinträchtigen, insbesondere dann, wenn Unterbrechungen nicht sprachlich begleitet oder im Anschluss durch ungeteilte Aufmerksamkeit aufgefangen und „repariert“ werden.

„Kultur des gesenkten Blicks“: Praxisnahe Impulse für Fachkräfte

Der zweite Fachvortrag „Zwischen Bildschirm und Blickkontakt“ von Gerhild Damm, Pädagogin, Erziehungswissenschaftlerin, EPB- und STEEP-Beraterin sowie Fortbildnerin aus Berlin, nahm die Veränderungen von Beziehungsgestaltung und Emotionsregulation in einer zunehmend digitalen Lebenswelt in den Fokus. Damm beschrieb eindrücklich eine „Kultur des gesenkten Blicks“, in der Erwachsene, Babys und Kleinkinder heute leben.

Anhand von Videobeispielen wurde sichtbar, wie häufig Blickkontakt und Interaktion unterbrochen werden, Stimmungen in der Mimik der Eltern nicht zu den Signalen des Kindes passen oder Signale gar übersehen werden. Babys und Kleinkinder, die grundlegende Bindungserfahrungen über Kontakt und Resonanz aufbauen, schauen damit häufiger in „leere“ Gesichter, die ihrerseits auf Bildschirme gerichtet sind. Gleichzeitiges Schreiben von Nachrichten, das Vereinbaren von Terminen oder Recherchieren von Informationen auf einem für Kinder in seinen Funktionen schwer durchschaubaren Gerät kann zu irritierenden Situationen im Kontakt führen.

Damm regte an, die dahinterstehenden Bedürfnisse Erwachsener, etwa nach Kontakt und Nähe, zu reflektieren. Ihr Vortrag überzeugte mit großer Empathie für die Anforderungen und Belastungen von Eltern und richtete sich zugleich an alle Erwachsenen, die im Alltag als Vorbilder für Kinder wirken – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Austausch in Kleingruppen und positive Rückmeldungen

Den Transfer in die Praxis unterstützte Damm durch konkrete Fragestellungen für Kleingruppen: Diskutiert wurde unter anderem, wie Risiken elterlicher Mediennutzung stärker in den Blick genommen und gleichzeitig Chancen direkter Kommunikation und gemeinsamen Spiels wieder bewusster genutzt werden können.

Die Referentin brachte zahlreiche Beispiele aus der praktischen Arbeit ein, von denen Fachkräfte aus Pädagogik, Medizin, Beratung, Förderung und Bildung profitieren konnten. Die Rückmeldungen der Teilnehmenden fielen durchweg positiv aus: Der Fachtag wurde als „lebendig“, „anschaulich“, „kompetent“, „praxisnah“ und „informativ“ beschrieben. Viele gaben an, die gewonnenen Impulse und vorgestellten Materialien in ihre Elternarbeit einfließen zu lassen, Eltern für das Thema zu sensibilisieren und auch das eigene Nutzungsverhalten bewusster gestalten zu wollen.

Begleitangebot zum Stöbern und Vernetzen

Ergänzt wurden die Fachvorträge durch einen Büchertisch von Bücher Behr sowie Infostände des Niedersächsischen Instituts für frühkindliche Bildung und Entwicklung (Nifbe e.V.) und zahlreicher Institutionen des Runden Tisches Frühe Hilfen. Die Angebote luden zum Stöbern, Informieren und fachlichen Vernetzen ein und rundeten den Fachtag ab.



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